ObsoleszenzBoofeladen

OBSOLESZENZ - Virus im Outdoorhandel

Jahrelang blieb die Outdoor-Branche von der Seuche "Obsoleszenz" verschont. Doch in den letzten Jahren wird sie zunehmend davon betroffen, und die Ansteckungsgefahr ist beängstigend. Aber erst mal langsam - viele Kunden wissen gar nicht, was Obsoleszenz ist, geschweige denn, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Vielen Firmen wäre es auch lieb, wenn es so bliebe, denn würden die Kunden davon erfahren, könnten sie ja ihr Kaufverhalten verändern, und das ist nicht im Sinne eines profitorientierten, auf grenzenlosen Wachstum basierenden Systems. Der Chemnitzer BoofeLaden kämpft seit Jahren gegen die Obsoleszenz! Doch was ist eigentlich Obsoleszenz und welche Folgen hat es für die Weltwirtschaft?


Was ist Obsoleszenz?

Obsoleszenz bzw. Obsolescence = ist die Ausmusterung bzw. Beendigung des Lebenszyklusses eines Produktes. Das Produkt ist obsolet, also überflüssig bzw. nicht mehr in Gebrauch.


Wird es bedacht eingesetzt, also das Verhältnis zwischen Lebensdauer und Nachhaltigkeit wahrt, regt es die Wirtschaft sogar an. Denn wenn ein Produkt zu lange hält, kann kein Neues verkauft werden, was sich bei Hersteller und Händler negativ auswirkt und was die Entwicklung bremst. Doch in den letzten Jahren hat man immer mehr das Maß verloren. Die Lebensdauer wird exponentiell kürzer. Durch immer öfter vorkommende vorsätzliche Verkürzung der Lebensdauer wird der Markt aufs Maximun ausgereizt und verliert an Nachhaltigkeit. Es gibt 3 Formen der Obsoleszenz:

Das Produkt verliert durch Verschleiß und Nutzung an Gebrauchswert - also qualitative Verkürzung.

Das Produkt veraltet und kann durch ein aktuelleres, überlegeneres Produkt ersetzt werden - also funktionelle Verkürzung.

Das noch funktionsfähige Produkt wird ausgemustert, weil dem Kunden suggeriert wird, dass es aus der Mode ist - also moralisch, psychologische Verkürzung der Lebensdauer.

In dem Moment, wo gezielt darauf Einfluss genommen wird, sprechen wir von einer geplanten Obsoleszenz. Hersteller und Händler tun dies aus Absatz-und Profitgründen und Konsumenten um kurzfristig zu sparen. Eine mindere Qualität ist nicht nur der Obsoleszenz geschuldet, sondern auch der Nachfrage der Kunden nach immer billigerer Ware. Problem ist, dass der Kunde dem Hersteller damit indirekt ein Alibi für die Obsoleszenz liefert.


Wie wird Obsoleszenz erreicht?

Eine Verkürzung der Lebensdauer erreiche ich mit oder ohne Beeinflussung der Funktionsfähigkeit. Bekannt geworden ist das Problem im technischen Bereich, wo durch Beeinflussung der Funktionsfähigkeit, also z.B. durch Einbau von Schwachstellen oder gezielter Verwendung minderwertiger Qualität ein Produkt (z.B. Drucker, Glühlampe) kaputt geht und ersetzt werden soll. Weniger beachtet, aber umso gefählicher, sind die ohne Beeinflussung der Funktionsfähigkeit. Hier wird durch Suggestion von Mode (permanenter Farb-und Modelwechsel) , Image und Prestige (Smartphone statt Handy), sowie durch Umstellung von Produktgruppen und Zubehör (Software und Hardware) der Kunde so manipuliert, dass er noch funktionsfähige Produkte ausmustert.


a) Bei der Verarbeitung eines Baumwollgarnes wird eine kürzere Baumwollfaser verwendet. Diese verschleißt schneller - der Stoff sieht schneller abgenutzt aus und ist nicht mehr so sehr belastungsfähig. Wer kennt nicht die Jeans, die hundert Jahre halten soll und schon nach hundert Tagen in der Tonne gelandet ist. Oder die robuste Trekkinghose, die wegen einer schlechten Naht auseinanderfällt.

b) Bei der Verarbeitung von Polyamiden, also der Nylonfaser, werden Stabilisatoren gegen UV entzogen und/oder anders chemisch angeordnet (z.B. Perlon statt Nylon, 6.0 statt 6.6). Das Ergebnis ist ein schnellerer Verschleiß.

c) Fleece: die ersten Henkelfleece von Polartec, eine Art geschnittenes Frottee, waren nahezu unzerstörbar. Viele Firmen verwenden mittlerweile sogenannte Flachfleece, also aufgekratzte Stoffe, die durch Pilling schneller den Weg in die Tonne finden.

d) Schuhe, die mindestens 10 Jahre halten könnten, werden mit zu dünnem oder ungeeignetem Leder gefüttert und scheuern sich binnen 2 Jahre an der Ferse auf, so dass man sie nicht mehr tragen kann. Oder die Sohle löst sich bereits nach wenigen Monaten. Schade um den Schuh und schade auch um den Ruf der Schuhmacher.


Es gibt noch viele Beispiele, die uns zeigen, dass Obsoleszenz allgegenwärtig ist.


In der TV-Dokumentation von 2010 „Kaufen für die Müllhalde”, welche u.a. über dieses Problem bei Glühbirnen und Druckern berichtete, wurde dies eindrücklich gezeigt. Klasse gemacht. Natürlich bekam der Bericht eine ungünstige Sendezeit - war wohl doch zu heikel.


Am 12.03.2012 hat SWR1 das Thema in dem Beitrag "...kaum gekauft und schon kaputt!" wieder aufgegriffen. Das war gut so, denn obwohl das Thema seit dem TV-Beitrag "Kaufen für die Müllhalde" nicht an Brisanz verloren hatte, wurde es außer auf Internetseiten wie z.B. Murks-nein-danke! kaum in Medien bearbeitet. Der Beitrag zeigte aber auch, wie viel Unsicherheit es noch zu diesem Thema gab und gibt.


Am 17.07.2012 brachte Peter Carstens von GEO-Online einen Artikel zum Thema "Obsoleszenz: Produzieren für die Tonne". Das immer stärkere Interesse der Medien beweist, dass es sich bei Obsoleszenz eben nicht um eine Eintagsfliege handelte, was kurz ausgeschlachtet wird und danach OUT ist. Im Gegenteil, es zeigt, dass wir am Anfang eines akuten Problems stehen und immenser Aufklärungsbedarf besteht.


Im Oktoberheft 2012 erschien bei Öko Test ein Artikel von Hendrik Lasch zum Thema "Wegwerfen fürs Wachstum". Hier wurde besonders auch auf die Aspekte Nachhaltigkeit und Garantie eingegangen.

Nebenwirkungen der OBSOLESZENZ

In der 1.Stufe ist ja alles noch ok: Erhöhung des Absatzes, erhöhter Lagerumschlag, Wirtschaftswachstum. Doch bereits in der 2.Stufe stellt sich Überproduktion, Massenproduktion und die Minderung des Wertgefühls ein. Es kommt zu Preiskämpfen und Qualitätsminderung. In der 3.Stufe wirds schon unwirtschaftlicher: es kommt zum Wachstumszwang, steigenden Rohstoffverbrauch und zur Ressourcen-Verknappung. Über Nachhaltigkeit wird kaum noch nachgedacht. In Stufe 4 kommt es zum Verdrängungskampf: es geht um Ressourcen und Grundnahrungsmittel (Wasser, Saatgut). Die 5.Stufe bedeutet Eskalation, Völkerwanderung und Krieg.

In welcher Stufe wir uns befinden, muss jeder für sich beurteilen. Auf jeden Fall kann es so nicht weiter gehen.

Auf unsere kleine Outdoor-Welt bezogen bedeutet dies, dass gerade die öko-kommunizierende Outdoorbranche daran interessiert sein sollte, dass ein Produkt länger hält. Dass die Tragweite dieser Problematik vielen nicht bewusst war und ist bzw. ignoriert wird, ist daran zu erkennen, dass erst im März 2013 eine Studie der Bundesregierung zum Thema "Obsoleszenz - Entstehung, Beispiele, Schadensfolgen, Handlungsprogramm" zusammen mit Stefan Schridde in Auftrag gegeben wurde. Interessant ist, dass laut der Studie die Obsoleszenz sogar zu volkswirtschaftlichen Schäden führt. Na dann Guten Morgen.

Nachbesserung oder Umtausch?

Laut BGB hat der Kunde bei einer berechtigten Reklamation wegen Mangel innerhalb der Garaniezeit Rechte gegenüber dem Händler und Hersteller. Weil die eigentliche Garantie (Beweislast nicht beim Kunden) meist nur ein halbes Jahr gilt, könnte es durchaus interessant sein, die Garantie zu verlängern. Doch bringt dies im Bezug auf Nachhaltigkeit nur dann was, wenn auch eine Pflicht auf mehrmalige, schnelle Nachbesserungen innerhalb des Garantiezeitraumes durchgesetzt wird und sich der Hersteller nicht durch einen Umtausch den Mehrkosten eines Services entziehen kann. Denn weil sich der Versand wegen einer Reparatur nach Fernost nicht lohnt, wird immer mehr ein kulanter Umtausch bevorzugt - klar, bei den geringen Herstellungskosten. Und weil viele Kunden sich des Problemes Nachhaltigkeit gar nicht richtig bewusst sind, freuen sie sich sogar darüber. Selbst eine Wandelung (Geld zurück) hat nur dann was mit Nachhaltigkeit zu tun, wenn man mit dem Geld ein anderes Produkt kauft, was hochwertiger ist. All dies setzt aber auch ein Umdenken und eine Sensibilisierung beim Kunden voraus, denn vielen Kunden ist der Zusammenhang zur Nachhaltigkeit eines Produktes gar nicht bewusst oder eine Rekla zu aufwendig. Und wer will denn schon auf den Luxus Mode verzichten?

Gütesiegel gegen OBSOLESZENZ?

Mir wurde immer wieder die Frage angetragen, ob ein Gütesiegel helfen würde. Meiner Meinung nach NEIN. Es besteht die Gefahr, dass Gütesiegel die Idee "Murks-Nein-Danke" auffressen. Viele Tests sind kostenintensiv, vorsichtig ausgedrückt nicht immer objektiv und zeigen oft nur eine Momentaufnahme. Ich sehe auch die Gefahr, dass die Industrie, die schon längst die Marktbeeinflussung bzw. Meinungsbildung durch Tests erkannt hat und gezielt zur Bedarfsbildung nutzt, für ihre Zwecke vereinnahmt. So schön wie der Gedanke wäre, dass ein Gütesiegel uns vor Murks bewahrt, muss ich doch klar sagen, dass wir ALLE in der Pflicht sind und bleiben, uns selber mit der Qualität und mit der Philosophie einer Firma auseinanderzusetzen. Und wenn der Mehrheit der Bevölkerung der Preis wichtiger ist als die Nachhaltigkeit, müssen wir auch mit der Konsequenz leben. Solange wir noch nicht dazu bereit sind, bleiben wir als Konsument ein Spielball profitorientierter Firmen.

Was können wir dagegen tun?

Wer maßlos und gleichgültig konsumiert, bestätigt den Erfolg eines solchen Konzeptes und braucht sich nicht wundern, dass die Rohstoffpreise immer mehr steigen und Arbeitsplätze nach Fernost verlegt werden. Kleine Schritte mit großer Wirkung: Kauft Qualität. Fragt nach Langlebigkeit und Nachhaltigkeit. Belohnt Hersteller, die gute Qualität bauen, indem ihr ihnen treu bleibt. Aber ermahnt sie und den Händler, wenn sie Euch schlechte Qualität verkauft haben. Repariert auch mal ein Produkt und werft nicht alles gleich weg. Kauft Produkte nicht nur, weil sie jeder hat, sondern weil sie gut sind. Gebt kleinen, innovativen Firmen, die in ihrer Herkunftsregion produzieren, eine Chance. Rennt nicht jedem Modetrend hinterher, denn diesen Luxus können wir uns als Gesellschaft auf Dauer nicht mehr leisten. Besteht bei berechtigten Reklamationen wegen Mängeln mehr auf Nachbesserungen, und akzeptiert nicht immer gleich den Umtausch. Schaut nicht einfach weg, sondern teilt Eure Meinungen sachlich in Foren wie "Murks-Nein Danke!" mit.

Hersteller und Händler sollten langfristiger denken und ihr Unternehmen auf Nachhaltigkeit ausrichten. Es schadet nicht, wenn mal ein bewährtes Produkt länger im Programm bleibt und zum Klassiker wird, Farben und Designs wieder in längeren Abständen ausgetauscht werden, die Produktauswahl reduziert wird und die Produktion wieder mit regionalen Materialien (Wolle, Leinen) nah am Absatzmarkt verlegt wird. Vielleicht sollten wir wieder mehr am Image und an der Qualität arbeiten, als am Profit. Wir alle sollten bedenken, dass am Ende der Obsoleszenz-Spirale keiner gewinnt.


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